Quantenphysik & Mystik

»Ein rein verstandesmäßiges Weltbild ganz ohne Mystik ist ein Unding.«, sagte einmal der österreichische Quantenphysiker Erwin Schrödinger. Wie viele bekannte Physiker suchte auch er Antworten auf die Frage der Existenz im Kosmos in mystischen Lehren. Manche griffen auf religiöse Lehren zurück, wie etwa der Theologe und Begründer der Urknall-Theorie (Big Bang) Georges Lemaitre, um die Entstehung des Lebens mit der Religion in Einklang zu bringen; andere griffen auf Schamanismus, Mystizismus, antike Philosophie, oder nahmen den Buddhismus als Inspirationsquelle wie der Erfinder und Visionär Nikola Tesla. Diese Lehren ordnen wir oft abseits der Naturwissenschaften ein, doch bei genauer Betrachtung sind sie gar nicht so weit von ihnen entfernt.

 

Seit es den denkenden Homosapiens gibt, beklagen wir uns mit zwei grundlegenden Fragen: »Woher komme ich und wohin werde ich gehen?« Diese uralten Fragen beschäftigen uns bis heute und geben Naturwissenschaftlern unter uns den Ansporn zum Weiterforschen, um fundierte Antworten darauf zu finden. Wir suchen sie in den Sternen, in Galaxien, im Universum, in Religionen, in der antiken Philosophie und in mystischen Lehren. Wir errichten mathematische Formeln, bauen Modelle auf und fangen damit an, die Natur um uns zu beschreiben; so wie es einst Sir Isaac Newton mit seinem Hauptwerk »Principia Mathematica« gelang, die Gravitations- und Bewegungsgesetze zu beschreiben, worauf die klassische Mechanik beruht. Doch diese versagen, sobald man in die Welt der Atome, also in den Mikrokosmos eindringt, oder besser gesagt: in die Welt der Unsichtbaren.

 

Es hat den Anschein, dass selbst mathematische Beschreibungen ihre Grenzen besitzen. So meinte auch der bekannte österreichische Mathematiker Kurt Gödel, dass es immer Fragen geben wird, welche die Mathematik nicht beantworten kann. Dies wird vor allem deutlich, wenn wir versuchen den Ort und Impuls eines Elektrons zu bestimmen. Der deutsche Quantenphysiker Werner Heisenberg stieß in jungen Jahren anhand mathematischer Gleichungen darauf, dass der Ort und Impuls nicht gleichzeitig bestimmbar sind. Dieses Phänomen ging als Unschärferelation in die Geschichte ein und kürte Heisenberg mit einem Nobelpreis. Die Unschärferelation zeigt, dass die Messung an Ort eines Elektrons eine Unschärfe im Impuls und umgekehrt verursacht.  Selbst das Bestimmen einer der Variablen lassen sich nur mit Wahrscheinlichkeitsfunktionen vorhersagen. »Die Elektronenbahn entsteht erst durch die Beobachtung.«, war die Schlussfolgerung von Werner Heisenberg und stellte somit klassische Physik auf den Kopf.

 

Heisenberg war übrigens ein leidenschaftlicher Anhänger von Platon und Aristoteles. Seine Entdeckung stellt, nach Kopenhagener Deutung, einen Grundbaustein der Quantenphysik dar. Sie besagt, dass Dinge erst mit der Beobachtung zur Realität werden. Sie wurde von Berühmtheiten wie Erwin Schrödinger, Max von Laue und von Gründervätern der Quantenphysik wie Albert Einstein und Max Planck strikt abgelehnt. »Existiert der Mond auch, wenn keiner hinsieht?« und »Gott würfelt nicht!« waren unter anderem Einsteins verbale Reaktionen darauf. Während Max Planck sie als »abscheulich« bezeichnete, drückte Erwin Schrödinger sein Bedauern aus, sich mit der Quantentheorie je befasst zu haben. Heute zeigen wissenschaftliche Experimente, dass Gott offenbar doch würfelt. Allerdings bedeutet dies nicht, dass die Kopenhagener Deutung auch in ferner Zukunft ihre Gültigkeit bewahren wird. Wie einst die klassische Physik von der Quantenphysik für die atomare Welt ersetzt worden ist, könnte auch einmal die Kopenhagener Deutung von einer neuen revolutionären Idee abgelöst werden.

 

Vieles, was mit unseren menschlichen Sinnen nicht erfassbar und nicht erklärbar ist, interpretieren wir oft als Mysterium. Wir greifen auf Religionen und mystischen Lehren zurück, um eine plausible Erklärung zu finden, oder halten sie schlicht für absurd. Parallelwelten, andere Dimensionen, Zeitreisen, Geisterwelten, Hölle, Himmel, sechster Sinn usw. definieren viele von uns als Produkte der menschlichen Fantasie. Doch zeigt uns die Naturwissenschaft, insbesondere die Quantenphysik, dass manche Mythen und Mysterien von einer Erklärung und von der Wahrheit gar nicht so weit entfernt sind. 

 

Unsere Sinne erfassen neben der drei räumlichen Dimensionen eine vierte: die Zeit. Nach Albert Einsteins Relativitätstheorie hängen alle miteinander zusammen und werden Raumzeit genannt. Die Stringtheorie kommt auf zehn Dimensionen, die M-Theorie sogar auf elf. Einsteins revolutionäre Arbeit zeigt uns außerdem, dass alles relativ ist. Die unterschiedliche Wahrnehmung der Zeit ist nicht nur eine Empfindung, sie ist durch die Relativitätstheorie begründet. Die Zeit in bewegenden Objekten vergeht langsamer, ihre Massen nehmen gemäß dem E = m ∙ c² (Energie = Masse ∙ Lichtgeschwindigkeit hoch 2) zu und sie schrumpfen in ihrer Größe. Diese Phänomene sind im Alltag minimal wahrnehmbar und nur mit speziellen Geräten messbar. In Größenordnungen wie in der Lichtgeschwindigkeit erlaubt die Relativitätstheorie auch Zeitreisen. Eine Zeitreise ist lediglich in die Zukunft möglich und nicht in die Vergangenheit.

 

Aus dem Alltag oder durch Erzählungen anderer kennen Sie bestimmt das eine oder andere mysteriöse Phänomen von eineiigen Zwillingen: fällt der eine auf die Knie, beginnt der andere zu weinen an. Der eine denkt es, der andere weiß es, wie wenn eine telepathische Verbindung zwischen ihnen existieren würde. Ähnlich ist es bei manchen Mutter-Kind-Beziehungen: die Mutter spürt den Missmut oder den seelischen Schmerz ihres Kindes und greift zum Telefon. Alles nur Spekulation und Zufall? Ein bekanntes, rätselhaftes Phänomen aus der Quantenphysik ist die Verschränkung. Sie zeigt uns die Verbundenheit von Photonen- oder Elektronenpaaren, die räumlich voneinander getrennt sind. Wird an einem der Photonen oder Elektronen die Eigenschaft geändert, ändert sich instantan jene vom zweiten Teilchen, als ob sie miteinander verbunden wären. »Alles ist mit allem verbunden.«, lautet übrigens eine Weisheit von Buddha. Unsere Sinne sind an räumliche Denkweisen angepasst, worauf unser klassisches Weltbild beruht. Der Raum stellt für uns nichts anderes als eine Leere dar, wo sich Objekte voneinander unabhängig aufhalten. Allerdings beweist uns die Bellsche Ungleichung das Gegenteil. Sie widerspricht der Theorie der Lokalität und besagt, dass Fernwirkungen zwischen Objekten möglich sind.

 

Gehen wir von Objekten zu Objektivität. Viele der Philosophen, darunter auch Karl Popper, lehnen die Existenz der Objektivität ab. Experimente zeigen, dass Beobachter ein Teil ihrer eigenen Experimente sind und ungewollt ihre Ergebnisse beeinflussen. Dabei ist es gleichgültig, ob es sich um die Messung von Elektronen in einem Atom oder von Photonen durch den Doppelspalt handelt. Wir sind sozusagen ein fester Bestandteil des Systems, geradezu das Versuchsobjekt selbst. »All that we are is a result of everything we have thought. The mind is everything. All that we think is what we become.«, lautet eine weitere Weisheit von Buddha. Nicht nur unsere Beobachtungen, auch unsere Erwartungen beeinflussen unsere Realität. Dies belegen viele Experimente und deren Ergebnisse. Was wir auf den ersten Blick nicht verstehen, muss nicht zwangsläufig mit Mystik in Verbindung gebracht werden oder ad absurdum führen. Es bleibt alles eine Frage der Zeit, und eines Tages wird die Wissenschaft vielleicht auch Gott entdecken – wer weiß. Oder wie es Buddha sagte: »Jeder von uns ist ein Gott. Jeder von uns ist allwissend. Wir müssen lediglich unser Bewusstsein öffnen, um unserer eigenen Weisheit zu lauschen.«

 Verfasser dieses Artikels:

M. Melih Gördesli

Autor des Buchs „Die Geschichte der Quantenphysik“


Quelle: Titelbild aus www.rgbstock.com

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Kommentare: 1
  • #1

    Nicole Serafini (Dienstag, 07 Februar 2017 00:29)


    Thanks designed for sharing such a pleasant thought, post is good, thats why i have read it entirely